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Bahn frei für die Gesundheitswirtschaft!
Verfasst am:
03.01.2010 17:30 | |
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Bahn frei für die Gesundheitswirtschaft!
Warum der neue Gesundheitsminister einen Kritiker der Pharmaindustrie aus dem Weg räumt
Kommentar von Harald Heiskel
In diesem Land sind 55.317 Arzneimittel zugelassen, allein zwischen 2000 und 2007 haben die Kassen 28 Prozent mehr für Medikamente ausgegeben. Die Versorgung wird also immer besser. Nur: keiner merkt's. Und deshalb brauchen wir ja die Wissenschaft, die beweist, wie notwendig neue teure Medikamente sind. Wissenschaft ist auch teuer und wird deshalb freundlicherweise vom Hersteller bezahlt. Vielen Dank.
Damit wir Ärzte die Studien auch richtig verstehen, brauchen wir offenbar die 16.000 Pharmareferenten und ihre 25 Millionen Praxisbesuche jährlich. Außerdem Fortbildungen mit leckerem Buffet. Und fettes Geld dafür, dass wir bei "Feldstudien" Medikamente an unseren Patienten ausprobieren. Danke.
Weil aber in der Vergangenheit gelegentlich der Verdacht aufkam, dass Forscher ihre Studienergebnisse systematisch den Interessen der Auftraggeber anpassen, wurde 2004 das unabhängige Institut für Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gegründet. Dessen Expertisen sind die Grundlage dafür, welche Therapien die Kassen finanzieren. Der Leiter des IQWiG, Prof. Dr. Peter Sawicki, hat sich in den letzten fünf Jahren bei der Pharmaindustrie sehr unbeliebt gemacht. In den Gutachten seines Instituts stellt sich der Nutzen mancher Innovation ganz anders dar als in den Hochglanzbroschüren der Pharmariesen.
Neue Insulin-Analoga etwa sind zwar dreißig Prozent teurer als herkömmliche Insuline, haben aber außer in begründeten Einzelfällen keinerlei Zusatznutzen. Und einige Antidepressiva haben zwar das Potenzial, Menschen schwer zu schaden, ihr Nutzen ist aber deprimierend gering und steht in keinem Verhältnis zu den Verordnungszahlen.
Da der natürliche, also liberale Wirtschaftskreislauf in den Taschen der Aktionäre zu enden hat, hemmt derlei Besserwisserei die "Gesundheitswirtschaft". Und so betreiben Georg Baum (FDP und Deutsche Krankenhausgesellschaft) und Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) derzeit Sawickis Ablösung. Kann ihm kein fachlicher Fehler nachgewiesen werden, wird sich schon eine falsch abgerechnete Tankfüllung finden. Man kennt das.
Dann brauchen wir natürlich die FDP, die uns erklärt, warum solidarische Finanzierung widernatürlicher Unfug ist. Und warum Gerechtigkeit Kopfpauschale heißt, mit der Reiche und Arme den gleichen Beitrag für ihre Grundsicherung zahlen. Sie werden uns auch vorrechnen, warum der Ausgleich dafür mit Steuersenkungen vereinbar ist. Die Patienten werden unsinnige Pillen schlucken und sie auch noch selber zahlen. Und wir Ärzte? "Sie wissen ja, die Kassen zahlen nicht mehr alles."
Der Autor ist Allgemeinmediziner in Frankfurt am Main.
Quelle: taz |
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